MotoGP in THE LINE: Wie ein Märchen aus 1001 Nacht
Die spanische Agentur Dorna Sports S.L., die dem Motorrad-Weltverband FIM im Herbst 1991 die kommerziellen Rechte am Motorrad-GP-Sport abkaufte, hat beim Misano-GP 2022 im September eine hochrangige Delegation aus Saudi-Arabien empfangen, weil in diesem arabischen Land im Mittleren Osten so bald wie möglich nach der Dakar-Rallye, der Formel E, Extreme E und dem Formel-1-GP auch ein Motorrad-GP ausgetragen werden soll.
Im Mittleren ist neben der MotoGP auch schon die Superbike-WM, die Endurance-WM und die Motocross-WM aufgetreten, die Road Racing-Serien auf dem Losail Circuit in Doha/Katar, dazu die MXGP-WM, die 2022 auch im Oman auftreten wollte, der Event wurde aber abgesagt.
Motorsport-Anlässe in dieser aufstrebenden Gegend sind besonders im Winter willkommen, aus klimatischen Gründen. Allein an diesem Wochenende fand das 24-h-Sportwagen-Rennen in Dubai statt und dazu das Finale der Dakar-Rallye in Saudi-Arabien.
2021 ging erstmals ein Formel-1-GP in Saudi-Arabien über die Bühne, seither steht der temporäre Jeddah Corniche Circuit regelmäßig im Kalender. Für die Formel 1 ist das nach Bahrain, Abu Dhabi und Doha bereits das vierte Rennen im Mittleren Osten.
Die MotoGP kam 2004 erstmals nach Katar, ein zweiter Standort in einem Wüstenstaat hat sich nie ergeben. Nur die Abu Dhabi-Betreiber haben die Dorna-Manager einmal zu einer Besichtigung des Yas-Marina-Circuits eingeladen, der aber für die MotoGP nicht taugte – zu gefährlich, zu kleine Sturzräume.
Jetzt will Saudi-Arabien einen MotoGP-Event, doch die Formel-1-Piste Jeddah Corniche Circuit taugt nicht für eine Grade-A-Homologation der FIM. Sie liegt in der Hafenstadt Dschidda (das ist die zweitgrößte Stadt des Landes), erstreckt sich über 6,175 km lang und weist 27 Kurven auf, es wird bei Flutlicht gefahren.
Und das Projekt in der Zukunftsstadt Neom, bekannt als «THE LINE», wird frühestens 2027 fertiggestellt.
Jedenfalls haben Promoter Dorna Sports und die Saudi Motorsport Company (SMC) beim Misano-GP eine Absichtserklärung unterschrieben, mit der sie bekräftigten, dass die MotoGP ins Königreich gebracht werden soll.
Aber Dorna-CEO Carmelo Ezpeleta will nicht bis 2027 warten, die Dollar-Millionen aus dem Königreich Saudi-Arabien sollen schon vorher in der Kasse klingeln.
Deshalb haben die Dorna-Verantwortlichen den Saudis vorgeschlagen, als Zwischenlösung in der Nähe eines existierenden Ballungszentrums eine neue permanente Rennstrecke mit überschaubaren Baukosten von ca. 80 Millionen Euro zu errichten, die vielleicht schon 2024 oder 2025 eingeweiht werden könnte.
Ein MotoGP-Termin in eineinhalb oder zwei Jahren wäre auf einer weniger aufwändigen saudischen Piste keine Illusion, denn die Araber haben die Formel-1-Rennstrecke in neun Monaten fertiggestellt!
«Das Interesse der Saudis ist unglaublich groß», räumte Carmelo Ezpeleta im Gespräch mit SPEEDWEEK.com ein.
Inzwischen existieren auch erste Fakten und Zahlen zum Zukunftsprojekt «THE LINE», die wie ein Märchen aus 1001 Nacht wirken.
Die Stadt «THE LINE» soll eine zivilisatorische Revolution darstellen, vom Meer 170 km auf einer schmalen Zunge ins Landesinnere reichen und sich bis zu einer Höhe von 500 Meter erstrecken. Keine Straßen, keine Autos, keine Emissionen – die Stadt soll zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben werden, 95 Prozent des Gebiets soll der Natur erhalten bleiben.
Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner sollen im Vordergrund stehen, auch im Transportwesen und bei der Infrastruktur wird alles andere sein als in traditionellen Städten.
In der City von «THE LINE» sollen nach der Fertigstellung neun Millionen Menschen leben, der CO2-Footprint soll nicht der Rede wert sein und Emissionen verursachen wie hierzulande eine 34-Quadratkilometer-Fläche. Die Funktionalität soll alles bisher Dagewesene übertreffen.
Denn die Bewohner von THE LINE sollen alle wichtigen Einrichtungen zu Fuß innerhalb von fünf Minuten erreichen können. Außerdem wird ein Hochgeschwindigkeitszug verkehren, der die 170 km in 20 Minuten durchqueren wird.
«THE LINE wird alle Herausforderungen des Stadtlebens in Angriff nehmen und alternative Lebensweisen beleuchten», erklärte Kronprinz Mohammed bin Salman, zugleich Vorstandsvorsitzender der NEOM Company. «NEOM vereint ein Team mit den hellsten Köpfen in Architektur, Engineering und Bauwesen, die Visionen und Ideen Wirklichkeit werden lassen.»
Die Baukosten für THE LINE wurden mit 500 Milliarden Dollar veranschlagt, für die erste Bauphase wohlgemerkt.
Doch die Saudis planen kurz vor dem Roten Meer nicht nur eine komplett neue Stadt, sondern in dieser Modellregion mit der Bezeichnung Neom soll in bis zu 500 Meter Höhe bis 2027 auch eine neue Formel-1-Piste entstehen, die auch für MotoGP-Events homologiert werden kann.
Ein Teil der neuen GP-Rennstrecke soll sich also in lichter Höhe über der Stadt ausdehnen, mit riesigen Sturzräumen und allen, was das Herz begehrt. Angesichts der geplanten Gesamtkosten von THE LINE nehmen sich die Baukosten für dieses Mega-Projekts mit ca. 3 Milliarden US-Dollar vergleichsweise preiswert aus.